Na, das fängt ja gut an … trotzdem noch 20 km geschafft … mal sehen, wie es morgen weitergeht.
www.skatehard.de
Aua
Neue Projekte für 2012
SKATE HARD
Mit dem Skateboard (Longboard) von Paris nach Berlin. Nicht etwa, dass mir langweilig ist, aber irgendwie kribbelt der Frühling schon sehr. Außerdem habe ich bis zum großen Projekt CROSS HARD etwas Zeit, die es einigermaßen sinnvoll zu überbrücken gilt. Also: Back to the Roots. Neben dem Fahrrad hatte ich als Zwölfjähriger (also vor genau 30 Jahren) in Würzburg natürlich auch ein Skateboard und war ein absoluter Dilettant in der Halfpipe – soz. eine offene Rechnung. Es gab allerdings noch Schlechtere, es hat aber bei mir nie gereicht, die umstehenden Mädchen besonders zu beeindrucken. Für 2012 und 2013 habe ich mir vorgenommen, alle offenen Rechnungen auszugleichen und die Fortführung von BIKE HARD aus persönlichen Gründen noch etwas warten muss, mache ich mit SKATE HARD den Anfang. Am 01. Mai 2012 werde ich ausschließlich mit Longboard, Rucksack und Zelt ca. 1.500 km von Paris nach Berlin fahren, um nach 30 Jahren dies frühkindliche Trauma mit einem 140 cm langen therapeutischen Spezialgerät erfolgreich zu verarbeiten … vielleicht klappt‘ s ja dann auch mal mit den Mädchen … nebenbei ist es ein perfektes Workout für die bevorstehenden Alpenüberquerungen … hier geht’s zum neuen Blog >> SKATE HARD.
Heinz Stücke – bereist seit fast 50 Jahren die Welt mit dem Fahrrad. „Man stelle sich vor: Gestartet ist er noch, bevor die Beatles ihren ersten Hit einspielten, bevor es die Hippies gab und bevor der erste Mensch auf dem Mond stand.“, so das schweizer Magazin Globetrotter, das es wohl als Einzige möglich machte, den heute 72-jährigen deutschen Weltumradler in Paris zu interviewen. Spanier spendierten ihm eine Website www.heinzstucke.com und unser deutscher Bike- und Outdoor-Blätterwald steht bedröppelt daneben … nicht mal eine kleine Meldung wert. Na ja, die einhundertste Beschreibung des Main-Radweges ist auch wichtig …
Neuigkeiten
Von Jerusalem nach Kairo
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Von Jerusalem nach Kairo
Mit alten Gewohnheiten soll man nicht brechen. Wieder an einem Samstag verließ ich Jerusalem. Die Straßen sind wie ausgestorben. Freie Fahrt für mich. So konnte ich eine Abkürzung durch den Tunnel unter der Hebrew University nehmen. Ich hatte nur einen kleinen Anstieg und danach einen ewig langen Downhill zum Toten Meer. Eine einfache Rechnung machte mir Mut. Jerusalem liegt auf ca. 800 m über dem Meeresspiegel. Das Tote Meer auf ca. 400 m unter dem Meeresspiegel. Macht nach meiner Rechnung eine Abfahrt auf sehr guter Straße von mindestens 1,2 km. Doch es kam wie immer anders. Kurz nach dem schwer bewachten Checkpoint beginnt schon die Wüste. Fasziniert, aber dennoch überrascht (aber nicht unvorbereitet!) musste ich noch einen kleinen Anstieg bewältigen und schon ging es abwärts unter Normalnull. Jede freie Hautstelle war abgedeckt, ausreichend Wasser getrunken und gebunkert … ich wollte ohne auch nur einmal zu bremsen am Toten Meer ankommen. Nach etwa 500 m fühlte sich alles irgendwie komisch an. Es war so, als würde ich mir einen voll aufgedrehten Fön direkt ins Gesicht halten oder zu nah mit dem Gesicht an einem Lagerfeuer sein. Also doch in die Bremsen gegriffen und schön langsam, vor allem aber hautschonend bis ans Tote Meer gefahren. Schade eigentlich. Trotzdem habe ich mich gefreut, wie ein kleines Kind als ich dort ankam. Die Soldaten am letzten Checkpoint aus dem Westjordanland sahen wahrscheinlich zum ersten Mal einen Tourenradler. Trotzdem kamen die üblichen Fragen nach Waffen, Munition, woher, wohin etc. Ab ca. 16:00 Uhr war es nicht mehr so „lustig“. Es hatte fast 50 Grad plus und kein Schatten in Sicht. An einer Bushaltestelle wartete ich den Sonnenuntergang ab, um weiter zu fahren bis zur einzigen Jugendherberge auf dieser Strecke. Am nächsten Tag checkte ich in ein Hotel in einem Ressort ein. Ich musste dringend einen Reifen wechseln, da er eigentlich schon kein Profil mehr hatte. Außerdem wollte ich endlich mal probieren, ob das wirklich stimmt mit dem „oben bleiben“ aufgrund des Salzgehaltes im Toten Meer. Fett schwimmt auch oben, aber ich hatte ja kaum noch was … Meine Taktik: Einchecken im billigsten Hotel, das ich finden konnte – sich über den Parkplatz des teuersten Hotels direkt auf den Privatstrand mogeln und den Parkplatzwächter mit einem herzlichen „Shalom! How are you“ grüßen. Sicheres Auftreten bei absoluter Bedeutungslosigkeit (SAAB) … habe ich schließlich jahrelang bei der Bundeswehr erfahren. Kaum war ich am Strand, runter mit den Klamotten und ab ins Wasser. Es funktionierte tatsächlich. Ich schwamm oben. Egal was ich versuchte, es war mir unmöglich unterzugehen. Toll!! .. Leider hatte ich aber ein paar Schrammen, die sofort zu brennen begannen. Fazit: Es war unerträglich heiß und trotzdem machte es unheimlich viel Spaß. Als ich zur Dusche lief, hatte ich keine Schuhe an, mit der Folge, dass ich mir die Fußsohlen im heißen Sand verbrannte. Duschen nach dem Baden ist aber Pflicht, da das Salz sonst noch an allen möglichen Stellen weiterbrennt (ihr wisst, was ich meine).
Auf einer Sonnenliege im Schatten schaute ich mich noch ein wenig um im Gebiet der Reichen und Schönen. Die Sprachen waren meist entweder Deutsch oder Russisch. Die Uhren, die fast schon sorglos (man war ja unter sich) rumlagen, hätten ausgereicht für ein neues Fahrrad und eine sorglose Weltumradelung für die nächsten Jahre. Nun .. so konnte auch ich meine Kamera mal „aus den Augen“ lassen und ohne paranoide Diebstahlangst schlief ich auch tatsächlich auf der Liege kurz ein. Der Reifenwechsel an diesem Tag war absolut problemlos und ich kaufte mir nun doch noch Sandalen und einen echt coolen Hut (siehe Fotos).
Die Wüste Negev ist heiß, verdammt heiß. Als ich eine Nacht in einem Park (so nennt man hier die künstlichen Oasen) schlief, hatte ich morgens um 06:00 Uhr noch 35 Grad im Zelt.
Lustige und wunderliche Geschichten: - Mitten auf der Strecke hielt ein Auto an, der Fahrer gab mir eine eiskalte Cola und schüttelte nur lachend den Kopf, als er mein Fahrrad aus der Nähe sah. – In einer Siedlung wollte ich Luft an einer nicht öffentlichen Tankstelle tanken, die Hitze drückt auch auf die Technik. Neben mir fuhr ein Pick-up an die Tankstelle mit zwei „Zivilisten“ – jeweils ausgestattet mit einem M 16 Maschinengewehr. – Leere Wasserflaschen schmeiße ich natürlich nicht einfach in die Wüste, sondern entsorge sie an Tankstellen oder Junctionpoints … mit dem Ergebnis, dass die restlichen Wassertropfen in den Flaschen wie Lupen wirken und mir Brandlöcher in die (nun ehemals) wasserdichten Packsäcke gebrannt haben – man lernt nie aus!
Kurz vor Eilat wurde die N 90 zweispurig. Am Checkpoint wurde ich noch im Scherz nach meinem Sicherheitsgurt gefragt, bevor die üblichen Fragen nach Waffen etc. kamen. In Eilat angekommen, besorgte ich mir ein Visum für Ägypten … kurz bevor die Botschaft für drei Tage geschlossen hat. Einige Tage nach meiner Abfahrt aus Eilat, wurden hier fünf ägyptische Polizisten von der IDF während eines massiven Schusswechsels erschossen. In Kairo kam zu Ausschreitungen gegen die israelische Botschaft, als ich in der Stadt war. Beim Grenzübergang wieder dieselben Fragen nach Waffen, Munition, woher, wohin und warum. Nicht einmal, sondern gleich dreimal an verschiedenen Checkpoints innerhalb von 100 m. Wahrheitsgemäß beantwortete ich alles sehr geduldig und schob mein Fahrrad in freudiger Erwartung auf Ägypten zu. Immer dieselben Fragen und das penible Röntgen aller Satteltaschen und Packsäcken wurden zur Geduldsprobe. Jede Satteltasche musste dann noch mal geöffnet werden. Total verschwitz kam ich nach Stunden aus der schlecht klimatisierten Halle raus und war auf der Halbinsel Sinai.
Immer noch fast 50 Grad, schlechte Straßen und elendig lange Anstiege, aber auch wunderschöne Abfahrten. Bis Sharm el Sheik waren es etwa 250 km, die ich ohne Probleme abradelte durch eine wirklich tolle und sagenhafte Landschaft. Die Checkpoints waren mit den unterschiedlichsten Personen besetzt .. Militär, Polizei, Geheimdienst und „Vertreter“ der Beduinen versehen hier gemeinsam Dienst. Während viele Auto- und Lkw-Fahrer Probleme bei den Kontrollen hatten, wurde ich immer mit Klatschen empfangen. Der Blick in den Pass war eher Nebensache, die Fragen nach, woher und wohin, lösten immer allgemeine Bewundern aus.
Langsam aber sicher dämmerte es mir allerdings, dass ich in eine Sackgasse geraten war. Die Fähre von Sharm el Sheik nach Hurghada war aufgrund des arabischen Frühlings eingestellt worden. Man empfahl mir den Bus nach Kairo zu nehmen und von dort wieder mit dem Bus nach Hurghada und weiter in den Sudan zu fahren. Schließlich erklärte man mir unverblümt … in gutem Englisch (also für dumme Touris verständlich), dass sogar die Busfahrer bewaffnet von Sharm el Sheik nach Kairo fahren, da es einfach zu gefährlich ist. Und es war tatsächlich so. Alle hundert Kilometer gab es Checkpoints mit Panzern und eine großen Anzahl Soldaten. Gefährlich sicherlich, aber nicht unsicher auf jeden Fall. Als ich in Kairo ankam, war es dunkel. Mit dem etwas ungenauen Stadtplan aus meinem Lonely Planet versuchte ich in der Nähe des Tahierplatzes ein Hotel zu finden. Wer schon mal nachts in Kairo mit Fahrrad gefahren ist, weiß was jetzt kommt? Die Tour hatte einen gewissen suizidalen Reiz! Jeder Taxifahrer, den ich fragte, wollte Geld für die Auskunft haben. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, stoppte ein Autofahrer und bot an vor mir herzufahren und mich in eine Hotelstraße in die Nähe des Platzes zu führen. Laut hupend, mit allen Lichtern, die sein altersschwaches Auto hergab, machte er mir die Straße frei. Verkehrsregeln haben für die Fortbewegung in arabischen Ländern eine eher untergeordnete Wertigkeit. Ich habe es überlebt! Am darauf folgenden Tag habe ich zum ersten Mal bis zum Nachmittag geschlafen, ohne zwischendurch aufzuwachen, ich war so fertig, dass ich nicht einmal den Muezzin hörte. Kairo ist bekannt für den Wettstreit der lautesten Muezzins.
Mein „Sackgassenproblem“ verschärfte sich, als mir die sudanesische Botschaft, trotz „Beschleunigungsentgelt“ kein Visum ausstellen wollte. Ich konnte nicht einmal zurückfahren, da der Grenzübergang in Eilat wg. des Konfliktes geschlossen wurde. Telefonate mit der sudanesischen Botschaft in Aswhan waren ebenfalls ergebnislos. Auch wenn mir die Probleme und die Erkenntnis nicht mehr weiterzukommen den Aufenthalt in Kairo etwas verleidet haben, war die Stadt ein Erlebnis und ist in jedem Fall eine Reise wert – vielleicht beim nächsten Mal nicht unbedingt mit dem Fahrrad durch die Wüste …
Ich habe schließlich die „Segel“ gestrichen oder die Pedale „von mir gestreckt“ und der politischen Situation klein bei gegeben … ich bin ins Flugzeug gestiegen und nach Hause geflogen.
Eigentlich sollte es nur ein kurzer Zwischenstopp zur Neuorientierung werden … dann allerdings erwartete mich die nächste Überraschung, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte; so halte ich mich an ein Zitat von Rüdiger Nehberg: Ich habe Reisen zusammen mit meiner Frau unternommen, alle zukünftigen Reisen werde ich allein unternehmen … Alles klar?
Weiter geht es also – nach Abwicklung aller „Formalitäten“- im kommenden Jahr im April von New York (oder San Francisco) auf der Panamericana – wie geplant …
Ich möchte mich an dieser Stelle noch dafür entschuldigen, dass solange nichts mehr auf dem Blog geschrieben wurde, ich hatte viel um die Ohren … es war ungefähr so, als ob ich versuchen würde, auf der Autobahn bei voller Fahrt, zu wenden.
Jerusalem
Diese Diashow benötigt JavaScript.
In Tel Aviv habe ich mich erstmal so richtig verfahren,
weil ich nur eine Touristenkarte hatte. Jeder sagte, ich könne die Autobahn
nehmen und, obwohl Samstag war, (hier wie ein Sonntag – Sabbath) hat mich dann
doch der Mut verlassen. Also auf den Freeway 44 nach Südosten und weiter auf
der 495 nach Jerusalem. Der Freeway hatte sogar einen extrabreiten Streifen für
Radler. Schon nach 47 km hielt mich an einer Abzweigung eine Familie mit
Kindern auf, mit der Bitte ich solle doch mal wieder duschen. Ofer, Nitza und
die drei Kinder sahen wohl, dass ich die Berge bis Jerusalem heute sowieso
nicht mehr schaffe. So hatte ich einen ganz tollen Abend in einer jüdischen
Siedlung. Sofort wurde für mich Essen gekocht, die Dusche klargemacht und ein
Bett vorbereitet. Leider muss ich zugeben, ich war auch wirklich erledigt, denn
ich hatte mir in Tel Aviv den Magen verdorben und fühlte mich etwas schwach.
Eine Hühnersuppe als Appetizer wirkte sofort. Der Hunger und Appetit waren
wieder da und ich konnte weitermachen mit Reis, Couscous, Rindfleisch,
Hühnchen, Melonen Kuchen usw. Ich habe wunderbar in dieser unerwarteten
Gastfreundschaft geschlafen und bin am nächsten Tag nach einer herzlichen
Verabschiedung im sonntäglichen (hier der Montag) Familientrubel die Berge nach
Jerusalem raufgeklettert. Anders kann ich es leider nicht beschreiben. Die
Pyrenäen im letzten Jahr mit dem Tretroller waren im Gegensatz zur dieser
Strecke ein Spaziergang. Sollte ich als Pilger noch nicht genug gebüßt haben,
jetzt bin ich auf jeden Fall alle meine „Sünden“ los! Jerusalem ist auf
unendlich vielen Hügeln gebaut. Ständig geht man auf und ab, egal wohin. In der
wunderbar restaurierten Altstadt ging ich durch die vier verschiedenen Viertel,
im arabischen Viertel kann man alles kaufen, was Touristen halt so brauchen, im
armenischen steht die schönste Kirche (angeblich) auf dem Grab Jesus, im
christlichen gibt’s die besten Restaurants und im jüdischen Goldschmiede und
natürlich die Klagemauer (Western Wall). Die fast schon übliche Durchsuchung
war diesmal etwas strenger. Mein Messer, das ich als Weltumradler natürlich
immer bei mir habe, wurde erstmal konfisziert und die Polizei gerufen. Das Gleiche
machte sie auch mit einem Kanadier. Also standen wir bei wie bestellt und nicht
abgeholt im Sicherheitsbereich und machten uns auf Ärger gefasst. Der Kanadier
sah das nicht so locker und hatte die Hosen ganz schön voll, die können einem
aber auch richtig Angst machen. Der Polizist, der dann kam, sah uns und hat
erstmal die Augen gerollt. Er fragte uns, ob wir in einer Gruppe reisen und ob
wir zusammengehören. Der Kanadier sagte gleich, dass er mit mir nichts zu tun
hat, obwohl mein Messer viel kleiner war als seins. Ein kurzer Blick in unsere
Pässe; dann maulte er die Security an, warum sie ihn holen wg. dieser Nichtigkeit.
Schon hatten wir unsere Messer wieder und durften schwer bewaffnet an die
Klagemauer. Neben mir bettete ein orthodoxer Jude mit einer 45er Magnum im
Halfter und mehreren Ersatzmagazinen für eventuellen länger anhaltenden Schusswechsel.
Spätestens jetzt habe ich auch den Polizisten verstanden … schnell noch meinen
Wunschzettel (Weltfrieden, Gesundheit, die Lottozahlen usw.) in die Mauer
gesteckt und dann den ganzen Trubel in Ruhe beobachtet. Ich mag Jerusalem, das
Durcheinander der Sprachen, Nationen, Religionen, Konventionen, Traditionen und
Gebräuche sind hier so konzentriert auf einen Punkt wie nirgends sonst auf der
Erde. Kein Wunder, dass es hier regelmäßig knallt. Der beginnende Ramadan macht
die Situation auch nicht leichter. Immer wieder, muss ich fragen kann ich dort
oder dort hin, ist es da sicher usw.? Die Antworten sind meist sehr wage, nicht
aus Unkenntnis, sondern eher (vermutlich) aus Scham: Meine Erwartung war, es
ist in bestimmten Gegenden gefährlich weil dort radikale Moslems bzw.
Palästinenser leben. Tatsächlich werde ich als Fahrradtourist jedoch vor den
orthodoxen Juden gewarnt. Sogar ganze Stadtteile von Jerusalem sollte ich
besser nicht betreten. Selbst die Bitte, mir diese Stadtteile in den
Stadtplan einzuzeichnen, werden „umgangen“, in dem man mir mit einem leichten
Strich den „richtigen“ Weg einzeichnet. Ich war ja schlau genug, mir aus
Deutschland eine Landkarte von Israel mitzunehmen, in der die Grenzen zur
Westbank bzw. West-Jordanland eingezeichnet sind. So eine Karte findet man hier
nicht! Als ich in „meiner Gastfamilie“ war, sagte Ofer zu mir: „Das ist das
erste mal, dass ich eine Karte von Israel mit den inneren Grenzen und der Mauer
sehe!“ Nach langem Suchen habe ich jetzt eine Straßenkarte gefunden, in die religiös-jüdischen
Siedlungen entlang der Grenze gekennzeichnet sind – natürlich in einer
christlichen Buchhandlung, hätte ich mir eigentlich auch denken können …
manchmal sollte man auch auf seine Vorurteile hören … hätte mir viel Sucherei
erspart. So kann die Reise zum Toten Meer und 300 km durch die Wüste nach Eilat
ohne Problem fortgesetzt werden (abgesehen von 48 Grad Celsius, kein Wasser,
ständigen Militärkontrollen und unbezahlbaren Hotels).
Statt einer Erkenntnis des Tages: Ich sitze im Schatten an der
Klagemauer und versuche einen einigermaßen besinnlichen Gedanken zu fassen.
Plötzlich brüllt hinter mir eine amerikanische Touristin: „Brian, Brian.“ Wer
diesen Witz nicht versteht, muss sich mindestens dreimal „Das Leben des Brian“
anschauen … Geschichten, die das Leben schrieb!
Von Troja nach Tel Aviv
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Bei meiner Abfahrt in Troja war mal wieder (zum dritten
mal!) das Wasser abgestellt. An die ständigen Stromausfälle in der Türkei habe
ich mich gewöhnt, aber bei der Hitze kein Wasser zu haben ist nicht wirklich
nett. Weiter ging es entlang der hügeligen Westküste. Eigentlich könnte man
alle fünf Kilometer anhalten und dort übernachten … aber so wird das nichts mit
meiner Weltumradelung. In Kücükuyu fiel ich beinahe auf die „Eurofalle“ rein:
Du fragst nach dem Preis des Zimmers, natürlich in Englisch, weil du kein
Türkisch sprichst. An der Rezeption sagt man 70 (!). Guter Preis, das sind etwa
30.- € inkl. Abendessen. Du checkst ein, gibst Deinen Ausweis hin, nimmst den
Schlüssel, unterschreibst und dann will der Typ an der Rezeption auf ein mal
70,00 Euro (!) in bar. Mitten in der Türkei soll ich mit Euro bezahlen. Auf die
Frage warum, grinst er mich nur blöd an und sagt, weil wir englisch gesprochen
haben, dachte er, es wäre doch klar! Mit einem schnellen Griff hinter den
Counter an der Rezeption nahm ich die Anmeldung und Ausweiskopie wieder an mich
und habe sie vor seinen Augen zerrissen. Man war der sauer. Zwei Strände weiter
habe ich dann zu einem vernünftigen Preis eingecheckt. In der Hochsaison an der
Küste gar nicht so einfach. Es gab aber auch hier superlecker Abendessen mit
frischen gebackenen Sardellen, mindestens 1.000 Soßen, Melonen, Reis,
Kartoffeln, Hühnchen, Nudeln, Oliven, Salat, Nachtisch und Tomatensuppe – soviel
ich essen konnte. Als ich mich zum dritten Mal anstellte, fing der Koch schon
an zu lachen und machte mit den Händen das Radfahren nach. Hier blieb ich erst
mal drei Tage, natürlich nur zum Sattessen … am Abend gab es Livemusik eines
türkischen Duos aus Istanbul. Der Sänger hat mal zwei Jahre in Nürnberg gelebt:
„Zwei Jahre nur Regen!“. Am letzten Tag hatte ich noch ein Interview mit einer
der letzten linken türkischen Tageszeitungen Bir Gün (Ein Tag). Das Interview
wurde mit freundlicher Unterstützung einer Holländerin ins Türkische übersetzt.
Hoffentlich wird es auch gedruckt, denn beim Abflug nach Tel Aviv wurde ich
gleich rausgefischt, weil ich kein Rückflugticket hatte. Mit den
Zeitungsartikeln der Weltumradelung (die PR hat sich also gelohnt) konnte ich
dann doch in den Flieger. Leider stand mein Fahrrad immer noch am Counter der Turkish
Airline. Also wieder raus aus dem Sicherheitsbereich kurz rumgemeckert bis eine
der Damen endlich zum Telefon griff um jemanden zu organisieren, der mein
Fahrrad und einen Kinderwagen abholen konnte. Wieder durch den Check-In – der
Laptop wurde zum dritten mal durchleuchtet und ich war der Letzte beim
Boarding. Auf dem Flugfeld sah ich dann den Frightofficer rumbrüllen, bis das
Fahrrad auf dem Laufband kam. Mit 15 Minuten Verspätung starteten wir nach Tel
Aviv. Hier fragte mich niemand nach einem Rückflugticket … aber … wohin ich alleine
reisen möchte. Hier muss allerdings erwähnt werden, das Israel Angst hat vor
sog. Friedensaktivisten, die in die Westbank oder in den Gazastreifen wollen.
Kurz vor mir haben sie zwei Franzosen rausgefischt und abgeführt …
„They also blow supermarkets.“ (Sie sprengten auch
Supermärkte in die Luft.) Tel Aviv ist für Europäer erst mal seltsam. Als ich
in einen Supermarkt wollte, wurde ich bzw. meine Tasche nach Waffen und
Sprengstoff durchsucht. Selbst kleine Läden haben bewaffnetes
Sicherheitspersonal. Mitten in Jaffa (die Altstadt von Tel Aviv) sah ich einen
Siedler mit seiner Familie inkl. M 16 Maschinengewehr über der Schulter. In
einem Einkaufszentrum sitzt in einem Café neben mir jemand mit Pistole im
Hosenbund. Das ist so surreal, dass man die reale und permanente Bedrohungslage
fast gar nicht mehr wahrnimmt. So entstehen aber zahlreiche Jobs, die durch
Frieden bedroht wären … Der Bummel durch das Künstlerviertel in Jaffa hat mich
wieder etwas beruhigt. Die Unterhaltung mit jüdischen Künstlern in einer
wundervoll restaurierten Felsenburganlage lässt hoffen und gab mir Verständnis
für die Situation. Ich habe sogar einen Outdoorladen gefunden, der passende
Gasflaschen hatte, da ich meine in Izmir zurücklassen musste (die dürfen nicht
ins Flugzeug). Morgen geht es nach Jerusalem.
Erkenntnis des Tages: Ich wünsche mir Weltfrieden! Ich wäre
so gerne über Land, also über Syrien nach Israel gefahren. Leider sind die
Grenzen von der Türkei nach Syrien dicht. Das nächste Problem ist die
Hungerkatastrophe am Horn von Afrika. Irgendwie wird der Nahe Osten allmählich
zu einer Sackgasse für mich …
Griechenland und Troja
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Der Grenzübertritt von Bulgarien nach Griechenland war
einfach. An der wartenden Autoschlange vorbeimogeln, den verdutzten
Grenzpolizisten den neuen kleinen Personalausweis zeigen (den kennt kaum
jemand) und auf ein „Bravo“ warten, wenn er erfährt, dass ich tatsächlich aus
Berlin mit dem Fahrrad sein Land besuche. Auf der gut ausgebauten E 85 fuhr ich
auf einem extra breiten Seitenstreifen bequem durch Griechenland. Auch hier
wollte ich nicht einfach durchrauschen und wenigstens eine Nacht bleiben. In
der Grenzstadt Orestiada machte ich halt vor einem Viersternehotel … wir begannen,
bei 60,00 € auf Englisch zu verhandeln. Schnell wechselten wir zu Deutsch
(eigentlich Schwäbisch) und waren bei 50,00 €. Unsere „Motorräder“ könnten wir
in die Garage stellen. Hä? Ich sagte: „Ich bin alleine mit dem Fahrrad hier.“
Ungläubiger Blick aus der Hotellobby auf die andere Straßenseite zu meinem
überladenen Drahtesel und ich konnte für 17,00 € (!) einchecken. Unmittelbar
danach gab es ein Unwetter, Glück gehabt. Abends ging ich dann noch mit
FRONTEX-Polizisten aus Holland bei einem Hamburg-Griechen essen. Es folgten
spannende Geschichten über Schleuserbanden, Flüchtlinge, übertriebene
Bürokratie und dass Holland aufgrund der Menschenrechtslage in Griechenland
nicht mehr nach Griechenland abschieben darf. Bei der Einreise in die Türkei
zeigte ich zum ersten mal meinen druckfrischen Reisepass. Schnell war der
Stempel drin, wieder vorbei an den Autoschlangen und jungen schwerbewaffneten Grenzsoldaten,
die alle freundlich winkten und ich war im europäischen Teil der Türkei.
„Reisen ist tödlich für Vorurteile.“ schreibt Mark Twain.
Ich hatte in meiner kleinen Klischeewelt ein seltsames Bild von der Türkei.
Sicherlich auch etwas geprägt von Berlin-Kreuzberg und den hitzigen Debatten um
Thilo Sarrazin. Ich hatte erwartet, dass mich morgens der Muezzin aus dem
Schlafsack haut, alle Frauen und Mädchen Kopftücher tragen und keiner Alkohol
trinkt. Doch es kam wie immer anders. Kopftücher werden so gut wie gar nicht
getragen, um den Muezzin zu hören, musste ich fast direkt neben einer Moschee
mein Zelt aufschlagen und Alkohol wird ebenfalls getrunken, allerdings in eher homöopathischen
Einheiten. Die Mädchen tragen am Strand einen Bikini und baden ganz normal mit
Jungs. Während bei uns zu bester Sendezeit darüber diskutiert wird ob türkische
Mädchen mit Jungs in den Schwimmunterricht dürfen, hat die Türkei damit schon
lange kein Problem mehr. Luftdiskussionen um längst gelöste „Probleme“. Also
kaufte ich mir in einem kleinem Süpermarket ein Bier. Die ganze Zeit bekam ich weiße,
fast durchsichtige Plastiktüten für meine Einkäufe. Jetzt hatte ich auf einmal
eine schwarze Tüte in der Hand. Na toll, jetzt wusste jeder, dass ich als
Europäer mir ein Bier gekauft habe. Die Strandpromenade in Güely entlang, bis
zur Pension und schnell verschwinden. Das ist so als würde man mit einer
Beate-Uhse-Tüte auf dem bayerischen Kirchentag gehen. Ok, das lasse ich dann
mal lieber. Die Fahrt entlang der Westküste lohnt sich. Wunderschöne Strände,
bombastische Sonnenuntergänge, die fantastische osmanische Küche und die
Gastfreundschaft der Türken (Wie viel schwarzen Tee verträgt man eigentlich?)
machen es leicht, auch mal ein paar Tage länger als geplant zu bleiben.
Verhandlungsgeschick und Hartnäckigkeit vorausgesetzt, lässt es sich hier
relativ günstig leben. Der kleine Abstecher nach Troja lässt ebenfalls keine
Wünsche offen, auch wenn der wahre Standort noch immer nicht endgültig geklärt
ist … Fahrrad fahren in der Türkei ist allerdings nicht immer lustig. In den
Städten ist man in der Hackordnung noch unterhalb der Fußgänger. Wer die
lautere Hupe hat, hat Recht! Meine hat 100 Dezibel … aber keine Knautschzone!
Erkenntnis des Tages: An dieser Stelle einen
herzlichen Dank an den Berliner Rundfunk 91,4 für die regelmäßige mediale
Begleitung meiner Weltumradelung.
Bulgarien
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Alles, was man über Bulgarien liest, stimmt. Beim Grenzübergang
wurde ich schon beschissen – nämlich um eine Stunde. Bulgarien ist bereits in
einer anderen Zeitzone. Dabei blieb es auch mit der Touristenabzocke … Zweites
Vorurteil: Die Straßen sind schlecht. Stimmt. So wie bei uns in Berlin und dem
Berliner Umland. Ebenfalls kurz nach dem Grenzübergang bemerkte ich eine
gebrochene Speiche. Bei 40 Grad im Schatten macht das keinen Spaß. Also in ein
Hotel einchecken (12,50 € inkl. Mini-Bar, Aircondition, Frühstück, TV und Pool …
wie machen die das?) und die Speiche wechseln. Jetzt weiß ich wenigsten, warum
ich soviel mit mir rumschleppe. Schnell wurde der Zahnkranz mit dem
Spezialwerkzeug (!) ausgebaut und die neue Speiche eingesetzt. Kleine Testfahrt
an der Promenade in Vidin: Passt, wackelt und hat Luft. Mein Versuch die
serbischen Dinar zu wechseln war schon schwieriger. Keiner wollte diese Währung
haben. In mindestens 10 Banken und mehreren Wechselstuben versuchte ich dieses
Zeug loszuwerden. Keine Chance. Auf dem Weg nach Lom (immer noch auf dem Donau-Radweg)
traf ich Stefanie, die mir aus Indien entgegen kam. Nach einem kurzen
Infoaustausch unter Weltumradlern tauschte sie mir wenigstens einen Teil zu
einem guten Kurs. Später traf ich eine Gruppe Australier, die Stefanie die
restlichen serbischen Dinar einfach schenkten. Auf dem Rückweg fahre ich in die
andere Richtung, vielleicht habe ich auch soviel Glück wie sie. Auf dem Weg
nach Nikopol wollte ich nach einer anstrengenden Schiebepassage in einem
kleinen Laden Wasser kaufen. Ich habe nicht verstanden, was mir die
Ladenbesitzerin erzählte. Ich hörte immer nur Berlin und Student … Ja, das
passt. In heller Aufregung rannte Sie aus dem Laden in das Haus auf der anderen
Straßenseite und holte ein Adressbuch mit der Anschrift ihrer Tochter
(Studentin?) in Berlin. Schon hatte ich ein Eis im Mund, Schokolade, Kekse und
Bananen im Frontkorb. Bezahlen musste ich nur das Wasser. Russisch hätte hier
weitergeholfen. Kurz danach gesellte sich noch ein älterer Herr zu uns, der uns
Deutsche auf die drei A’s reduzieren konnte: Autos, Autobahnen und Adolf
Hitler. Wozu brauchen wir ein komplexes Europa, wenn das Leben doch so einfach
ist? Bulgarien ist ein Land, das zwischen Kommunismus, Kapitalismus und
Aberglauben versucht, seinen Weg zu finden. Noch immer müsste man (theoretisch)
jeden Tag seinen Aufenthaltsort nachweisen können durch sog. Reisekarten.
Manchmal bekommt man diese ungefragt sogar auf einem Campingplatz, manchmal gar
nicht. Ich wollte in einem Restaurant, in dem drei Polizisten saßen, einen
Kaffee trinken. Ich bin einfach nicht bedient worden. Sobald man in einem Hotel
bezahlt hat, verkrümelt sich das Personal. Tipp: Erst kurz vor der Abreise
bezahlen und man hat die ungeteilte Aufmerksamkeit des gesamten Hotelpersonals
besonders auf das Gepäck! Manchmal sind Bulgaren wie kleine Kinder: Sie machen etwas
kaputt, wundern sich, dass es kaputt ist und keiner kommt auf die Idee, es zu reparieren.
Wenn man aber mal das Glück hat, etwas tiefer in die bulgarische Seele zu
schauen, merkt man bald, dass doch eine gewisse Resignation herrscht. Die, die
etwas erreichen wollen werden von den alten Seilschaften daran gehindert. Als
ich mit einigen Geschäftsleuten sprach, sagten sie mir, dass es ganz schwierig
sei, überhaupt Personal zu bekommen, das pünktlich zur Arbeit kommt und diese
Arbeit sorgfältig erledigt. Hinweisschilder auf ein Hotel werden einfach
abgerissen. Ähnliche Gespräche hatte ich allerdings auch in Ostdeutschland;
also ein gesellschaftliches Problem, kein kulturelles! Lösbar!?
Bei Svistov verließ ich den Donau-Radweg, um direkt nach
Süden zu fahren. Ich machte noch ein paar Tage Pause in Veliko Tornovo. Hier
traf ich übrigens John aus Australien wieder, der einen Tag vor mir von Negotin
(Serbien) weiter fuhr. Von dem günstigen Hotel Hotel Comfort hatte ich einen fabelhaften Ausblick auf die Burg und das allabendliche Lichtspektakel. Eher als Scherz
versuchte ich in einer Wechselstube meine restlichen serbischen Dinar zu
tauschen. Das gut aussehende Mädchen hinter dem kugelsicheren Glas sprach kein
Wort Englisch, aber mein nach fast 3.000 km verwegenes Aussehen hat sie
irgendwie verzaubert. Ich bekam zu einem relativ guten Kurs die Dinar in Leva
umgetauscht. Sofort setze ich den unerwarteten Reichtum zusammen mit John in
einem Wolf Bite (Wolfsbiss) um. Das ist ein scharf angebratenes Schweinefleisch
mit einer Paprikasoße und Kartoffelbrei. Manchmal muss man schon für eine
Restaurantbestellung ein ganzer Kerl sein. Für eine reichhaltige Portion und
zwei Bier zahlten wir keine fünf Euro. Als wir danach die Burg anschauten, kam
dann doch der Budgetkiller in uns zum Vorschein. Wir sahen den Ticketschalter
mit Tickets für ca. 1,50 €. Wir beschlossen, soweit zu gehen bis wir zur ersten
Ticketkontrolle bzw. Barriere kommen und dann umzukehren. Es kam aber nichts.
Das gesamte sehr gut restaurierte Gelände war frei zugänglich. Viele
Beschreibungen waren auf Deutsch und man hatte einen wundervollen Überblick
über Veliko Tornovo. Jetzt hatte ich doch mal ein richtig schlechtes Gewissen.
Ich als „reicher Touri“ bescheiße diese Stadt um den Eintrittspreis
(unabsichtlich). Tja, so ist das mit den Vorurteilen … Beim Gespräch mit dem
Hotelbesitzer fragte ich nach den Kastanien, die in den Ecken lagen. Er
druckste ein bisschen rum: „Bad People, bad thinking … bla, bla“. Er merkte
aber bald, dass ich ihn nicht auslachte und ich fand raus, dass hier immer noch
Aberglaube und eine intensive Naturverbundenheit besteht. Die Kastanien sollen
das Haus vor schlechten Menschen schützen und Erfolg sichern. Die Familie
bereitet noch Lindenblütentee nach altem Brauch zu und ein türkisches Auge
wacht über dem Hoteleingang. Es funktioniert, ich habe nur nette Leute dort
kennengelernt: Eine Gruppe Engländer, die glaubte ich sei in Deutschland
berühmt, weil ich mit dem Fahrrad nach Afrika fahre (wie Ewen McGregor in Long
Way Down), eine dänische Familie, denen ich beim Rauftragen der Koffer in den
vierten Stock half und zwei Kölner, die mir versprochen haben meine ausgelesenen
Bücher mit nach Deutschland zu nehmen und von Köln aus nach Berlin zu schicken …
und mich, dem Lump, der keinen Eintritt bezahlt hat. Zum Abschied bekam ich vom
Besitzer Brot und Salz geschenkt, eigentlich nur guten Freunden vorbehalten. Weiter
ging es auf der E 85 Richtung Süden, an einem See machte ich halt für ein
Wildcamping, leider regnete sehr stark bis zum nächsten Mittag, sodass ich noch
einen Tag länger in Bulgarien blieb. Hier beweist es sich, wer das bessere Zelt
hat. Morgen geht es nach Edirne in der Türkei.
Erkenntnis des Tages: Ich hasse es, durch ein Land zu
fahren, das ich nicht verstehe. Ich habe lange gebraucht, um einen kleinen
Einblick zu bekommen. Ich (wir) gehen wahrscheinlich immer noch mit dem
gesellschaftlichen (West-) Kontext an solche Länder heran und wundern uns über
deren „verhaltenes“ Auftreten. Ändern wird sich auf lange Zeit wahrscheinlich
nichts, siehe die ehemalige DDR. Man kann eigentlich nur hoffen, dass aus einer
gesellschaftlichen Sozialisierung sich keine kulturellen Gewohnheiten
manifestieren.
Von Budapest nach Bulgarien
Diese Diashow benötigt JavaScript.
Es war auf jeden Fall eine kluge Entscheidung, Budapest
an einem Sonntag zu verlassen, da der Verkehr deutlich geringer war. Kurz nach
Budapest traf ich Egbert aus Holland, der immer wieder die Ausschilderung
übersehen hat, seine Sonnenbrille liegen ließ oder seine Landkarte verschlampte.
Da kam dann doch der Pfadfinder in mir durch und wir fuhren gemeinsam bis Backa
Palanka (ca. vier Tage). Er hatte nicht mal ein Messer dabei, um sich in der
Mittagspause etwas zu Essen zu machen. Schon nach kurzer Zeit begann er über
die Zigeuner (Zitat!), die Schwarzen in Amsterdam und über die Rumänen zu
schimpfen. So machte ich einen Tag extra Pause und wurde ihn wieder los und er
fuhr weiter bis ans Schwarze Meer – hoffentlich kommt er sicher durch Rumänien
… damit nicht genug, am letzten Tag in Backa Palanka (Ungarn) traf ich einen
Thüringer Ingenieur beim Frühstück mit der ultimativen Reisewarnung: „Rumänien
hat 80 % Zigeuner und der Rest sind Hunde!“ Da fahr ich über 2.000 km, um mir
diesen rassistischen Scheiß anzuhören. Bleibt doch einfach zu Hause und
belästigt nicht uns Weltumradler mit euren Weisheiten. Aber es kam noch besser.
Auf der Fähre von Stara Palanka nach Ram (Serbien) traf ich einen Roma (die
korrekte Bezeichnung für Zigeuner!) aus Wien, der über die Türken in Wien
schimpfte mit diesen „Kopftuchweibern“. Dazu fiel mir dann nichts mehr ein …
Seit einigen Tagen fahre ich zusammen mit John (21) aus Australien durch
Serbien entlang der Donau. Auch er möchte die Welt mit dem Fahrrad umrunden und
startete in London, hat sogar ein Messer für die Mittagspause dabei, einen
Kompass, verfährt sich selten und ist frei von jeglichem Rassismus. Serbien ist
manchmal landschaftlich etwas langweilig, erst ab Golubac wechselte die Landschaft. Wunderbares
Fahren auf guten und schlechten Straßen bei fabelhaftem Wetter. Der Australier
kommt mit der Hitze allerdings besser klar als ich. Sein Zitat nach jedem
erfolgreichen Tag auf dem Fahrrad: „Another day not Dead!“ Die Ausschilderung
des Donau-Radweges ist absolut idiotensicher, man kann sich eigentlich kaum
verfahren. Das Beste am Balkan ist jedoch, dass man fast überall (sogar auf
Campingplätzen) kostenloses WLAN hat. Kilometerstand nach 60 Tagen: 2.005 km.
Erkenntnis des Tages: Ich sollte nach Rumänien fahren,
mein Laptop ist ja schon da. (Im Dezember 2007 wurde in meinem Büro in Berlin
eingebrochen und drei Laptops, Beamer und Digitalkamera geklaut. Die Kripo
vermutete dahinter … na dreimal dürft Ihr Raten.)
Von Wien nach Budapest
Diese Diashow benötigt JavaScript.
„Die Montage japanischer Fahrräder erfordert großen
Seelenfrieden. Was wir als die Brauchbarkeit einer Maschine bezeichnen, ist nur
eine Objektivierung dieses Seelenfriedens.“ So schreibt es Robert M. Pirsig in „Zen
und die Kunst ein Motorrad zu warten“ oder einfacher formuliert: Gut, dass ich
alle Folgen von Mc Gyver gesehen habe! Ein kaputter Sprengring ist somit eher
eine Herausforderung als ein Problem … hoffe ich. Denn wenn der Bolzen aus der
Sitzfederung rausfällt, darf ich wieder Tretroller fahren. Eine Notlösung war
ein Coladosenring … Der Gepäckträger hat auch schon eine Schweißnaht
aufgegeben; hoffentlich schaffe ich es noch bis zum Ende des Jahres mit dem
Fahrrad. Vielleicht gibt es zu Weihnachten ein neues Fahrrad. Aber abgesehen davon,
könnte es nicht besser laufen. Das Wetter ist perfekt, die Strecke, bis auf
wenige Ausnahmen gut. Nach einem kulturellen Overload in Wien fuhr ich nach
Bratislava. Eine angenehme Stadt mit einem ausschweifenden Nachtleben … Geld
tauschen lohnt sich nicht, da man nach wenigen Kilometern an der Donau schon in
Ungarn ist. Hier ist Geldtauschen etwa so wie in Marokko, sobald man auf eine
der zahlreichen Wechselstuben in Budapest zu steuert, wird man mit „super
valuta change“ und besonders günstigen Kursen von Schwarzhändlern „überfallen“.
Wer das nicht kennt, verzweifelt an dem ständigen „Where do you come from?“ Ich
gebe zu, es macht mir fast schon Spaß Touristen (ich weiß, ich bin auch einer)
dabei zu beobachten, wie sie sich (nicht) wehren. Budapest ist echt cool. Aber
heiß und es ist erst Anfang Juni. Untergekommen bin ich übrigens für nur 13,50
€ pro Nacht mitten in der Altstadt. Ein nagelneues Hostel, für das ich gerne
Werbung mache, da es noch nicht im Lonely Planet steht, supersauber ist, der
Besitzer spricht Deutsch und natürlich Englisch … also nichts wie hin http://www.hostelbudapestcenter.com/.
Morgen geht es weiter entlang der Donau nach Belgrad.

